Probleme und Intelligenz

Ich schreibe diesen Artikel als Ergänzung zu diesem Post: Über Intelligenz reden, um ein wenig zu vertiefen, mit welchen Problemen Menschen in Abhängigkeit von ihrer Intelligenz so konfrontiert sind. Es ist gleichzeitig eine Art Begründung dafür, warum es so wichtig ist, über Intelligenz reden zu können.

Punkt 1: Probleme bei niedriger Intelligenz

Was ich im folgenden schreibe, basiert auf meinen konkreten Erfahrungen mit einigen Menschen, ergänzt um Fachwissen aus meinem beruflichen Alltag sowie meine Überlegungen dazu. Zu anderen Themen würde ich stattdessen schreiben: Da können Betroffene besser berichten. Ich glaube, dass das in diesem Fall nicht ganz übertragbar ist, und da zeigt sich schon eins der massiven Probleme: Die Fähigkeit, für sich selbst einzustehen, ist eingeschränkt. Die Fähigkeit, persönliche Erfahrungen auf gesamtgesellschaftlicher Ebene einzuordnen, ebenfalls. Damit einhergehend auch die Fähigkeit, Kritik am System zu üben. (Was nicht bedeutet, dass das nicht geschieht! Es gibt nur weniger Möglichkeiten, nicht keine!)

Anekdote dazu: Für ein Projekt schrieb ich mal eine Geschichte, in der eine Person mit geistiger Behinderung vorkam. Die Geschichte sollte ein Sensitivity Reading bekommen. Dies ist letztlich nicht umgesetzt worden, weil keine passende Person gefunden wurde. Wer die Anforderungen an gutes Sensitivity Reading kennt, kann sich sicher vorstellen, wie schwierig das in diesem Fall zu lösen ist. (Falls jemand da Modelle kennt, bitte her damit!)

Es folgt also eine Sammlung von Problemen, die ich beobachtet habe, angefangen mit einem, das zumindest bei manchen den ganzen Alltag durchzieht: Überforderung und häufig damit verbundene Scham und Angst.

Mit wenig Intelligenz gerät man viel häufiger in Situationen, in denen man etwas nicht oder nicht ganz versteht, verwirrt ist oder nicht genau weiß, was man tun soll, als das mit mehr Intelligenz der Fall ist. Beispielsweise kann die Änderung einer Buslinie schon hilflos machen. Das Treffen fremder Menschen kann Angst auslösen, weil unklar ist, ob sich diese Menschen ausreichend anpassen werden, ausreichend Rücksicht nehmen werden. Ob sie überhaupt wohlwollend statt beleidigend und beschämend sein werden.

Ich kenne viele Menschen, die bestimmte Taktiken entwickelt haben, damit sie nicht zugeben müssen, dass sie etwas grundsätzlich nicht verstehen. Das können zum Beispiel Sätze sein wie „Das ist heute alles etwas viel für mich“ oder „Ich bin gerade etwas durcheinander“. Das kann aber auch ein „Dafür interessiere ich mich nicht“ oder „Ach, für sowas brauche ich nicht“ sein, was manchmal dauerhaft Türen schließt, wo eigentlich Interesse da wäre. Eine Taktik kann auch sein, dass Gespräch stur auf Themen zu fokussieren, mit denen man sich wohl fühlt, was ggf. als unhöflich wahrgenommen wird und soziale Kontakte schwierig macht. Manche stellen viele Fragen, um Verständnis- und Wissenslücken auszugleichen, andere trauen sich nicht mehr, weil sie doch zu oft „Man, das weiß man doch!“(oder schlimmeres) gehört haben.

Die Welt ist voller Barrieren, wenn man Informationen nicht gut suchen und aufnehmen kann. Glaubt ihr z. B., dass eure Vereine, Gruppen, Stammtische, Partys etc. zugänglich sind für Menschen mit einer geistigen Behinderung? Sind eure Informationen auffindbar, auch in leichter Sprache? Hättet ihr Berührungsängste?

(Ich will das Thema Berührungsängste an dieser Stelle nicht ausweiten, aber viele Menschen scheinen verunsichert über die Idee, mit geistig behinderten Menschen Kontakt zu haben. Es ist gut, das für sich einmal zu hinterfragen und nach den Gründen zu suchen.)

Mit niedriger Intelligenz kann man leichter manipuliert werden, und das nicht nur in Hinblick auf Dinge wie Betrug, sondern auch von Angehörigen, Freund*innen, Vorgesetzten oder anderen nahestehenden Personen. Man hat weniger Ressourcen, sich über die Welt zu informieren und ist häufig darauf angewiesen, anderen Menschen zu vertrauen. Man ist teilweise auch real abhängig von anderen und kann sich daher ggf. nur schlecht gegen Ausnutzung wehren. Sätze wie „Ach was, sowas ist nichts für dich“, von einer nahestehenden Person ausgesprochen, können sich ähnlich auswirken wie ein Verbot! Insgesamt haben Menschen mit geistiger Behinderung ein hohes Risiko, Gewalt zu erleben.

Im Übrigen: Wenn du eine Diskussion „gewinnst“, weil du deine Argumente besser formulieren konntest, und nicht, weil du wirklich die besseren Argumente hattest, ist das auch eine Form von Manipulation.

Wir leben insgesamt in einer Gesellschaft, in der Menschen mit niedriger Intelligenz systematisch und konsequent an den Rand gedrängt werden, also strukturelle Gewalt erfahren. Berufe, die sie ausüben können, werden in der Regel schlecht bezahlt, und wenig Geld bedeutet immer auch weniger Möglichkeiten und weniger Teilhabe. Alles, was in irgendeiner Weise mit niedriger Intelligenz assoziiert wird (z. B. bestimmte Medien, bestimmte Mode, die Hauptschule) wird entwertet, belächelt, beleidigt. Menschen mit wenig Intelligenz werden selten daran beteiligt, wichtige (gesellschaftliche) Entscheidungen zu treffen und damit diese Welt vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen zu gestalten. An vielen Stellen wird die Welt „von Akademischen für Akademische“ gestaltet. Es wird über Teilhabe und Inklusion geredet, und dann kann man Fahrkarten nur noch an Automaten ziehen, die für manche Menschen schlicht nicht nutzbar sind.

Ein nächstes Problem: Weil es in unserer Gesellschaft gemeinhin als unschick gilt, wenn Menschen nicht so viel zu etwas beitragen können wie andere, werden Menschen mit wenig Intelligenz oft andere positive Eigenschaften zugeschrieben. Sie sind eben „anders begabt“, z. B. besonders herzlich, tolerant und offen. Sie „geben einem so viel zurück“, „sehen das, was wirklich wichtig ist“, sind „nicht so verkopft“, „denken viel an andere“ und so weiter. Das ist problematisch, weil es ein falsches Bild von Menschen zeichnet, die in Wirklichkeit genauso vielfältig sind wie andere Bevölkerungsgruppen auch. Es enthält zudem häufig auch eine mehr oder weniger starke Infantilisierung („die sind so niedlich“, „so fröhlich wie Kinder“). Infantilisierung spricht Menschen vieles ab, z. B. eigenverantwortliche Personen zu sein oder sexuelle Wünsche zu haben. Mit infantilisierenden Aussagen wird teils auch gerechtfertigt, über Menschen zu bestimmen, ohne ihre Meinung zu berücksichtigen, weil wir das bei Kindern ja auch machen. (Anmerkung: Auch bei Kindern ist das in vielen Fällen ungut. Der Exkurs dazu würde einen eigenen Artikel verdienen.)

Wie bei allen Themen spiegeln die Geschichten, die wir erschaffen und konsumieren, auch unser Bild von Menschen mit wenig Intelligenz wider. Nicht verwunderlich: Die Repräsentation ist schlecht. Es gibt Formate, die nur gedreht werden, um sich über Menschen lustig zu machen. Ansonsten gibt es wenig Charaktere mit wenig Intelligenz.

Die Hauptcharaktere unserer Geschichten sind in der Regel klug, vielleicht sogar Genies. Wenn Menschen mit niedriger Intelligenz irgendwo vorkommen, dann werden oft ihre „anders Begabungen“ deutlich ins Licht gerückt oder sie sind die „inspirierende Quelle“ für andere, vielleicht auch ein Comic-Relief-Charakter. Beispielsweise hat ein Charakter dann eine magische Begabung, die alle rettet. Diese muss dann aber auch erst vom Helden der Geschichte gefunden und genutzt werden – es ist selten die Idee oder Entscheidung der Person selbst, dies zu tun.

An die Schreibenden hier: Kommen in euren Geschichten Menschen mit wenig Intelligenz vor? Welche Rollen weist ihr ihnen zu? Haben sie besondere Begabungen? Und wenn ja, verfügen sie selbst über ihren Einsatz oder machen das andere? Werden sie wie Kinder behandelt?

Punkt 2: Probleme bei hoher Intelligenz

In diesem Fall schreibe ich sowohl aus eigener Betroffenen-Sicht als auch zusammenfassend über Erfahrungen anderer Menschen mit hoher Intelligenz.

Dabei will ich vorab sagen, dass eine hohe Intelligenz aus meiner Sicht tatsächlich ein Vorteil und ein Privileg ist. Zumindest für die Menschen, die es halbwegs gesund ins Erwachsenenleben geschafft haben und sich ihr Leben so gestalten können, dass es zu ihnen passt. Wenn das so ist, dann kann eine hohe Intelligenz ohne Frage sehr hilfreich sein, z. B. einen gut bezahlten Job zu bekommen.

Das Hauptproblem in Bezug auf Probleme mit hoher Intelligenz besteht aus meiner Sicht darin, dass sie häufig nicht gesehen oder nicht ernst genommen werden. Der Versuch, über spezifische Schwierigkeiten zu sprechen, scheitert oft daran, dass andere es als Angeberei empfinden oder sich selbst von der puren Erwähnung einer hohen Intelligenz gekränkt fühlen. Auch eine unreflektierte Bewunderung der Intelligenz, in der nur die guten Seiten gesehen werden können, kommt vor.

Das alles schadet an der Stelle, wo eine Person leidet und schließlich weder Ausdruck noch Hilfe dafür bekommt. In der Schule wird z. B. oft nur gehandelt, wenn die Noten schlecht werden.

Menschen mit hoher Intelligenz erleben häufig, nicht im eigenen Tempo denken zu „dürfen“. Das ist, wie ständig im Stop&Go-Stau zu stehen oder in der Fußgängerzone ständig Leute vor sich zu haben, die halb so schnell gehen, wie man möchte. Beides nicht schlimm – aber ständig? Täglich mehrere Stunden? Das kann eine enorme psychische Belastung sein. (Für Menschen mit ADHS ist mittlerweile nachgewiesen, dass Langeweile ähnlich unangenehm erlebt wird wie körperlicher Schmerz!)

Langfristig ist es nicht selten so, dass diese Menschen verlernen, Dinge an die eigenen Bedürfnisse angepasst zu tun. Es werden keine Lernstrategien entwickelt, die gut passen. Es breiten sich möglicherweise Langeweile, Frust und Desinteresse aus, weil die ursprüngliche Neugier auf die Welt ständig torpediert wurde. (Immer noch wird Eltern intelligenter Kinder manchmal geraten, sie vom Lesenlernen abzuhalten, damit sie das altersangemessen in der Schule tun können.)

Viele, die als Kind mal Klassenbeste oder Wunderkind waren, berichten später, dass sie gar nicht wissen, wie man für etwas arbeitet. Was nach einem Luxusproblem klingt, kann ganze Lebenswege schrotten. Es werden dann z. B. im Studium plötzlich Fähigkeiten gebraucht, die in der Schule systematisch abtrainiert wurden, wie etwa eigenständiges Aneignen von Informationen.

Ein anderes Alltagsproblem ist, dass viele Menschen Vorschläge häufig nur dann annehmen können, wenn sie sie selbst mitgedacht haben. Das führt gar nicht so selten zu sehr frustrierenden Situationen für eine Person mit eher hoher Intelligenz, wo sie Lösungen für Probleme sieht, mit den Vorschlägen oder Gedanken aber bei niemandem durchkommt. Oder sie sieht Probleme weit im Voraus und ist machtlos, sie zu verhindern.

(Ich meine damit übrigens gar nicht so gravierende Dinge wie die Klimakrise, obwohl das sicher auch ein gutes Beispiel ist. Aber ich meine bereits Alltagssituationen wie: „Wir werden den Zug verpassen, weil der Bus zu dieser Uhrzeit eine andere Route fährt.“ – „Hä, nee, ich nehm den Bus immer, der braucht 20 Minuten.“ Und dann verpasst man den Zug.)

Dieses Problem ist stärker ausgeprägt, je weniger Intelligenz (oder Ahnung von einem spezifischen Thema) einer Person zugeschrieben wird. Je weniger “Kompetenz-Vorschuss” Personen bekommen, desto häufiger haben sie das Problem, dass ihre Einschätzungen übergangen werden. (Im oben verlinkten ersten Artikel habe ich darüber geschrieben, dass es systematische Verzerrungen gibt, die die Einschätzung von Intelligenz betreffen. Diese greifen auch hier.)

Punkt 3: Probleme, wenn die kognitiven Fähigkeiten sehr unterschiedlich ausgeprägt sind

(Ich beziehe mich hier vor allem auf Phänomene, die ich von Menschen mit ADHS und Autismus kenne.)

Wie ich eingangs schrieb, setzt sich Intelligenz aus vielen verschiedenen Dingen zusammen. Wir haben aber trotzdem in der Regel die Erwartung, dass diese unterschiedlichen Fähigkeiten innerhalb einer Person in etwa auf einem ähnlichen Niveau liegen. Ähnliches Niveau meint nicht, dass „alles gleich“ ist. In unsere Erfahrungswelt gehört, dass Personen in der Schule vielleicht „in Sprachen gut sind“ und „in Naturwissenschaften weniger gut“. Wir kennen vielleicht Leute, die sich alles merken, aber einen Stadtplan nicht gut lesen können. Solange das Muster betrifft, die in bestimmte Stereotype passen, und solange die Unterschiede nicht zu drastisch sind, empfinden wir das als ziemlich normal. Würde eine Person drei Sprachen fließend sprechen, aber nicht einmal bis 10 zählen können, wäre das anders. Würde eine Person ganze Lexika auswendig lernen, sich aber in der eigenen Wohnung verlaufen, würden wir das als sehr ungewöhnlich empfinden.

Mit sehr unterschiedlich ausgeprägten Fähigkeiten gerät man schnell in die Situation, dass andere – aber mitunter auch man selbst – die falschen Erwartungen an einen stellen. In der Schule kann es z. B. sein, dass einem Faulheit oder fehlende Motivation unterstellt wird, wenn man manche Dinge sofort fast fehlerfrei kann und andere nur mit großen Schwierigkeiten erlernt. Im Freundeskreis kann es einem als Desinteresse ausgelegt werden, wenn man zu Verabredungen ständig zu spät kommt, weil man weniger planerische Fähigkeiten hat als die Leute denken. Fehlende sprachliche Eloquenz führt nicht selten dazu, dass einem überhaupt kaum noch etwas zugetraut wird.

Spricht man solche Dinge an, neigen Leute meiner Erfahrung nach zu Beschwichtigungen und zu Erklärungen, die ihrer Sichtweise einer einigermaßen „ausgeglichenen“ Fähigkeitenverteilung entspricht. „Wir vergessen alle mal etwas“ hört vielleicht der Mensch, der zum tausendsten Mal einen wichtigen Termin vergessen hat. Oder einer Person wird nach dem hundertsten Scheitern gesagt: „Ach, wenn du dich da reinfuchst, kannst du das auch.“

Das führt häufig dazu, dass Menschen mit großen Unterschieden in verschiedenen Fähigkeiten von sich selbst verwirrt sind, selbst glauben, dass sie nur faul oder desinteressiert wären. Durch die permanente falsche Zuschreibung von außen ist es schwer, ein Selbstbild zu entwickeln, das einem wirklich entspricht. Stattdessen übernimmt man die Zuschreibungen von Faulheit oder Desinteresse, oder vermeidet Aktivitäten, wo sich die Unterschiede besonders drastisch auswirken. Versuche, sich selbst zu erklären, werden vom Umfeld häufig abgelehnt.

(Ich erinnere mich an eine Situation mit meinem Fahrlehrer, der überzeugt war, ich hätte ein Auto übersehen. Er hat meine Erklärung, dass ich es gesehen hatte, aber aus anderen Gründen falsch reagiert habe, schlicht nicht geglaubt. Für mich war fürs Fahrenlernen aber sehr wichtig zu verstehen, was in der Situation falsch gelaufen ist. In diesem Fall konnte ich seine Erklärung glücklicherweise von mir weisen, weil ich ja sicher war, das Auto gesehen zu haben. In anderen Fällen habe ich sehr oft gedacht „Ach so, dann ist das das Problem und ich muss X tun, um es zu lösen“, und das klappt halt dann nicht.)

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