ADHS-Ratgeber-Blog: 1. Weg mit der Schuld

Content Warning: Erleben von Schuld, Scham, Angst; mentales selfharm

Ich habe also entschieden, Gedanken zu ADHS aufzuschreiben, von denen ich glaube, dass sie für andere hilfreich sein können. Dieser erste Artikel ist eine Art auftakt, mehr eine autobiografische Erzählung als ein Ratschlag. Aber bedeutsam, denke ich. Hier fängt es also an:

Ich erinnere mich an eine Situation, die irgendwann nach der Geburt meines ersten Kindes passiert ist. Das ist nur relevant, weil in meiner Erinnerung Babyspielzeug verstreut herum lag. Es ist letztlich aber egal, was genau sich auf dem Boden verteilt hatte, denn ich bin mir nicht mehr sicher, ob es überhaupt wirklich Spielzeug war.
Jedenfalls, mein Ehemensch deutete auf ein Chaos auf dem Wohnzimmerboden und fragte: »Kannst du das zukünftig vielleicht direkt zusammenräumen?«
Mein spontane, nicht überlegte Reaktion war: »Nein, kann ich nicht.«

Ich musste danach meiner Eheperson erklären, dass ich weder sie noch ihr Ordnungsbedürfnis zurückweisen wollte, dass es aber schlicht die Wahrheit ist. Ich kann Dinge nicht einfach zukünftig direkt zusammenräumen. Und ich verspreche nicht mehr, dass ich es könnte. Ich fühle keine Schuld mehr, weil ich so etwas nicht kann. (Scham durchaus noch, aber Schuld nicht mehr.)

Das möchte ich gegenüberstellen zu einer Situation vielleicht 10 Jahre früher. 1-2 Jahre meines Lebens lebte ich unglückseligerweise in einer WG mit zwei sehr ordentlichen Menschen, mit denen ich keine Freundschaft teilte. Zum damaligen Zeitpunkt war mein Selbstbild, dass ich ein ziemlich ordentlicher und organisierter Mensch bin, der sein Leben insgesamt ziemlich gut auf die Reihe kriegt. (Teile davon stimmten. Wenn ich etwas aufräume und sortiere, kommt dabei eine sehr gute, funktionale Ordnung raus.)
Ich wusste, dass das Sauberkeitsempfinden meiner Mitbewohner anders war als meins. Das verstand ich und war durchaus sehr bereit, mich da auch anzupassen. Was ich nicht verstand: Warum es mich so unfassbar quälte, ein Badezimmer zu putzen, dass ich es einfach nie tat. Meine Mitbewohner fanden einen Putzplan »kindisch«, sowas hätten wir als erwachsene Menschen ja nicht nötig. Sie erwarteten, dass ich einfach so »meinen Teil« übernahm. Im Rückblick waren meine Mitbewohner entweder sehr viel entspannter, als ich sie wahrnahm, oder sehr konfliktscheu, denn sie sprachen mich nicht besonders oft aufs Putzen an. Ich habe bestimmt auch drei oder viermal was geputzt.
Was aber ein krasser Unterschied zu der zuvor beschriebenen Szene ist: Damals saß ich elend und voller Schuldgefühl in meinem Zimmer. Ich war viel allein in der WG, weil die anderen beiden berufstätig waren und ich noch studierte. Ich versuchte oft, nicht zu Hause zu sein, wenn die anderen kamen. Ich nutzte die Küche nicht, wenn die anderen da waren. Ich lagerte dreckiges Geschirr in meinem Zimmer, damit es die anderen nicht störte. Ich zuckte zusammen, wenn ich die Wohnungstür hörte und fürchtete: Jetzt ist es genug. Jetzt werden sie mir sagen, dass ich ausziehen muss. Ich hatte unfassbare Angst vor der Konfrontation (die nie kam), und ich fühlte unfassbare Scham, nichts hinzubekommen. Ich rutschte in eine Depression, die natürlich alles nur schlimmer machte. Wenn keine Vorlesungen waren, verließ ich das Haus noch einmal am Tag zum Einkaufen. Oft mit einer Jeans und der Jacke über meinem Schlafanzug, weil ganz umziehen nicht drin war.
Irgendwann traf mich die Erkenntnis, dass ich allein wohnen muss, um da rauszukommen. Ich zog in eine unsanierte Wohnung mit kaputten Böden und es entlastete mich unfassbar, dass ich da im Grunde nichts kaputt machen konnte. Es tat mir gut, mich vor allen Erwartungen der Welt zurückziehen zu können. Das erste Mal in meinem Leben war ich der einzige Maßstab. Nicht die Schuldgefühle, nicht die Bedürfnisse anderer.

Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich heute keine Scham oder Schuldgefühle mehr empfinde, wenn ich etwas nicht hinkriege. Aber wenn ich diese Lebensphasen vergleiche – mein Studium, und die ersten Jahre unserer jungen Familie – dann fressen Scham und Schuld heute nicht mehr meine Energie. Damals taten sie es und waren ein wesentlicher Treiber meiner Depression.

Es gibt Dinge, die ich gut kann.
Es gibt Dinge, die ich manchmal kann.
Es gibt Dinge, die ich mit bestimmten Hilfestellungen kann.
Es gibt Dinge, die ich nicht ohne selfharm kann.
Es gibt Dinge, die ich nicht einmal mit selfharm kann.

In meinem Fall ist selfharm unsichtbar. Es ist ein Zusammenreißen über meine eigentlichen Grenzen hinaus. Es ist das Wegdrängen meiner Gefühle und Bedürfnisse. Das Untergehen in Anpassung. Es sind destruktive Gefühle von Scham, Schuld und Verzweiflung.

Niemand kann von dir erwarten, dass du Dinge tust, die dich selbst verletzen. Wenn es weh tut, ein Bad zu putzen, tu es nicht. Zumindest nicht jetzt und nicht so.

Ich weiß, es gibt Ausnahmen. Wenn ich meine inneren Grenzen spüre, aber mein Kind gewickelt werden muss, dann gibt es wenig Alternativen als ein bisschen selfharm in Kauf zu nehmen. Und wenn die Abschlussarbeit in drei Tagen fertig werden muss, weil sonst deine ganze berufliche Karriere in Gefahr ist, ist die Entscheidung für Verletzung vielleicht die Richtige. Aber wichtig ist eins: Die Verletzung ist real. Der Schmerz im Innern, die Bedrängnis, Verzweiflung, die stumpfe Depression, das alles ist echt. Und du hast ein verdammtes Recht, diese Verletzung nicht mehr zu wollen. Damit aufzuhören, dich in Formen zu pressen, die schmerzen. Ein Leben ohne diese Verletzung zu suchen.

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